AG Medical Anthropology

Proseminar:

Techniken des Kinderkriegens:
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett
aus medizinethnologischer Sicht

Wintersemester 2003/04

Dr. des. Viola Hörbst (hoerbst@lrz.uni-muenchen.de)
Institut für Ethnologie und Afrikanistik der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Jede Gesellschaft erneuert sich über die Reproduktion, welche mit der Zeugung beginnt, die Schwangerschaft einschließt, in eine Geburt mündet und mit dem Wochenbett beendet wird. Es sind Vorgänge, die durch universelle physiologische Abläufe geprägt sind und zugleich von kulturell unterschiedlichen Wahrnehmungen, Wertungen und Praktiken durchdrungen werden. Dies gilt auch für biomedizinisch geleitete Zeugung, Schwangerschaft und Geburt, welche ebenfalls von kulturellen und sozialen sowie ökonomischen Bedingungen der Gesamtgesellschaft durchzogen werden.
In vielen Ethnien stehen beteiligten Frauen bzw. Paaren und Behandlern neben lokalen Traditionen auch biomedizinische Möglichkeiten zur Verfügung, beide fließen in vielen Reproduktionssettings ineinander. Zum Teil werden auch Praktiken fremdkulturellen Ursprungs – wie bspw. Akupunktur oder Yogaübungen in unseren Breitengraden – in die geburtshilfliche Versorgung integriert. Verbreitet aber sind auch die Ideale der „sanften Geburt“, welche gerade bei uns wichtige Änderungen in der Geburtshilfe nach sich zogen. Sie stehen im vermeintlichen Kontrast zu den gestiegenen technischen Angeboten seitens der Biomedizin wie bspw. In-Vitro-Fertilisation, Ultraschall, Amniozintese oder Wunschkaiserschnitt. Durch diese technischen Möglichkeiten ergeben sich Änderungen im Verständnis, in der Bewertung und Begleitung der Reproduktionsprozesse in unserer Gesellschaft, aber auch in den klassischen Regionen ethnologischer Forschung halten diese Techniken Einzug und werden unterschiedlich adaptiert. Dort wie hier initiieren diese technischen Neuerungen Änderungen im Reproduktionsprozess.
Im Seminar werden wir dieser Thematik anhand von fremdkulturellen Fallbeispielen und Beispielen aus westlichen Gesellschaften nachgehen. Hierzu werden im Seminar gemeinsam Artikel diskutiert und auch Referate zu den jeweiligen Themenbereichen gehalten. Begleitend dazu sollen von den TeilnehmerInnen kleine Feldforschungsaufgaben in Angriff genommen werden: Hier bieten sich Befragungen von verschiedenen Personenkreisen (GynäkologInnen, Hebammen, Schwangere etc.) oder Teilnahme an Aktivitäten der Geburtshilfe (Geburtsvorbereitungskurse, Wöchnerinnenbetreuung etc.) an. Aber auch theoretischere Arbeiten wie Internet-Recherchen oder Medienanalysen (Radio, Fernsehen, Zeitschriften) können gewählt werden. Die jeweiligen Ergebnisse sollen im Seminar vorgestellt werden.