Oktober 2000 / Wien

Wien, Josephinum: Institut für Geschichte und Medizin – 14. Oktober 2000

Tagung der Work Group Medical Anthropology der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde e. V.:

„Medizinische Begrifflichkeiten im Spannungsfeld globaler Konzepte und lokaler Umsetzungen“

In Zusammenarbeit mit:
FIKUS (Forschungsinsitut für Kultur- und Sozialwissenschaften)
Institut für Geschichte der Medizin, Abteilung Ethnomedizin an der Universität Wien

 

ABSTRACTS

Bernhard Hadolt & Monika Lengauer
Universität Wien
Von Spritzkuren und Spermienaufbereitungen: In-Vitro Fertilisation aus einer Actor-Network Perspektive
Tina Otten
Institut für Ethnologie
Freie Universität Berlin
Indigene und biomedizinische Krankheitskonzepte bei den Desya, Indien
Viola Hörbst
Ethnologisches Institut
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Zwischen globalem Anspruch und Lokalisierung: medizinische Wertigkeiten bei den Cora, Mexiko
Maria Delius
Technische Universität München
Befindlichkeitsstörungen im Wochenbett – eine ungelöste Frage für die Biomedizin
Yvonne Adam
Ethnologisches Institut
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Unterwegs von Ort zu Ort: was Migrantinnen und die Ethnologie zur Globalisierung beitragen
Michael Knipper
Institut für Geschichte der Medizin
Universität Bonn
Was ist Krankheit? Der „ontologische Krankheitsbegriff“ zwischen theoretischer Ablehnung und globaler Anwendung
Angelika Wolf
Institut für Ethnologie
Freie Universität Berlin
Aids und Kanyera in Malawi: Lokale Antworten auf ein globales Phänomen
Hansjörg Dilger,
Institut für Ethnologie
Freie Universität Berlin
„PositHIV leben“ in Tanzania: Globale Dynamik am Beispiel internationaler und lokaler AIDS-Arbeit
Brigit Obrist van Eeuwijk
Ethnologisches Seminar der Universität Basel
Richtige Ernährung in Papua Neuguinea: Anspruch und Wirklichkeit
Elsbeth Kneuper
Universität Tübingen
Die zivilisatorische Errungenschaft der natürlichen Geburt – Auswirkungen der Ethnomedizin auf die „Gebärszene“ einer südwestdt. Universitätsstadt

 

Von Spritzkuren und Spermienaufbereitungen: In-Vitro Fertilisation aus einer Actor-Network Perspektive

Bernhard Hadolt & Monika Lengauer
Universität Wien

Der Begriff In-Vitro Fertilisation (IVF) wird im öffentlichen Diskurs zumeist in zweierlei Weise verwendet: Zum einen als Bezeichnung für den medizin-technischen Vorgang der „künstlichen Befruchtung“ in der Retorte; zum anderen wird von IVF auch dann gesprochen, wenn von einem spezifischem Gebiet der Reproduktionsmedizin die Rede ist, in dem die künstliche Befruchtung zwar als „Organisationsprinzip“ wirkt, das jedoch auch andere Techniken und Handlungsweisen wie etwa den Embryotransfer oder die Follikelpunktion beinhaltet. In beiden Bedeutungszusammenhängen erscheint IVF als klar abgegrenzte, monolithische Entität, bei der andere Aspekte und Akteure, die für die Herbeiführung der angestrebten „Schwangerschaft“ notwendig sind, „unsichtbar“ bleiben. Während im ersteren Bedeutungszusammenhang die IVF auf einen einzigen, für sich stehenden technischen Akt reduziert wird, läßt auch die zweitere Verwendung wesentliche Aspekte, Techniken und Handlungsweisen in Zusammenhang von IVF unthematisiert.

Im Gegensatz dazu sucht unser Beitrag die IVF als komplexes Netzwerk von Techniken, Ideen und Interessen zu verstehen, die in ihren gegenseitigen Notwendigkeiten und komplexen Beziehungsgefügen zum Einsatz kommen, um das gewünschte Ergebnis „Schwangerschaft“ zu erreichen. Unter Bezugnahme auf Ideen der Actor-Network-Theory sollen dabei zum einen selten thematisierte, aber dennoch Techniken von zentraler Wichtigkeit wie etwa das Ovulationsmonitoring, die Samenaufbereitung, die hormonelle Stimulation der Eierstöcke, die Eizellenentnahme und der Embryotransfer, zum anderen auch verschiedene Interessensgruppierungen und Ideen als „Akteure“ in ihren globalen Bezügen und historischen Entwicklungen, ihren gegenseitigen Bedingungen und ihrer klinisch-praktischen Organisation und Umsetzung nachgezeichnet werden. Um den Netzwerkcharakter der IVF zu verdeutlichen, nehmen wir dabei nicht die künstliche Befruchtung im Reagenzglas zu unserem thematischen Ausgangspunkt, sondern die im öffentlichen Diskurs kaum bekannte sogenannte „Spritzkur“, also die Verabreichung von Hormonen mittels Injektionsspritzen zur Stimulation der Eierstöcke, welche der Eizellenentnahme vorangeht.

 

Indigene und biomedizinische Krankheitskonzepte bei den Desya, Indien

Tina Otten
Freie Universität Berlin, Institut für Ethnologie

Die Desya sind eine bäuerliche Gesellschaft, die in den Eastern Ghats in Orissa, Koraput lebt. Das Gebiet gilt als eines der „most backward areas“, also ein durch Industrie und Modernisierung kaum erschlossenes Gebiet. Elektrizität und eine auf Fahrzeuge ausgerichtete Infrastruktur ist nur in geringem Maße vorhanden. Die Bauern bewirtschaften ihre Felder ausschließlich durch Körperarbeit und durch Vieh. In Koraput finden zur Zeit Veränderungen statt, die auf globale Einflüsse zurückzuführen sind. Seit vierzig Jahren gibt es Staudammprojekte und eine Aluminiumfabrik. Touristen besuchen seit einem halben Jahr in Reisegruppen das Gebiet. Seit fünf Jahren gibt es ein Krankenhaus, welches „modern medicine“, (Biomedizin) nach (annähernd) westlichen Standards anbietet.

Mein Vortrag wird der Frage nachgehen: Wie stellt sich die indigene Medizin dar? Was ist indigene Medizin? Nach meinen Beobachtungen ist die Medizin der Desya stark auf Beziehungen zu Göttern, Wesen und Menschen ausgerichtet und könnte nach unseren Begrifflichkeiten auch als astrologische Medizin beschrieben werden. Die Behandlungen sind für die auch nach indischen Standards arme Bevölkerung kostspielig und können mehr als einen Monatslohn fordern. Die Behandlungen im biomedizinischen Krankenhaus scheinen dem Beobachter günstiger zu sein. Welche Verbindungen haben sich in den letzten Jahren zwischen der Biomedizin und der indigenen Medizin aufgebaut? Wie bewerten Desya „modern medicine“ und wie binden sie es in ihre lokalen Konzeptionen von Krankheit und Gesundheit ein? Wird die Biomedizin durch das Umfeld der indigenen Medizin in das Körperbild der Desyamedizin eingebunden ? Werden dadurch Konzepte der Biomedizin verändert? Um diesen Fragen nachzugehen, wird das Konzept der Person beleuchtet. Daran anschließend stelle ich indigene Krankheitskonzepte vor. Globale Krankheitskonzeptionen wie Malaria und Krätze werden an den indigenen Krankheitskonzeptionen diskutiert.

 

Zwischen globalem Anspruch und Lokalisierung: medizinische Wertigkeiten bei den Cora, Mexiko

Viola Hörbst
Ethnologisches Institut der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Eine Erkenntnis meiner seit 1997 fortlaufenden Feldforschung mit den Cora in Jesús María (Sierra Madre Occidental) ist, daß biomedizinische Praktiken von Patienten und Heilern zum indigenen Repertoire gehören, meist eingebettet in religiöse Kontexte. Diese individuellen Behandlungen sind zugleich mit kollektiven Aktivitäten der Zeremonialgemeinschaft verflochten. Ämtersysteme (Cargo-Systeme) spielen für die Gesundheitsversorgung der Cora auf gemeinschaftlicher Ebene eine gewichtige Rolle.

1996 wurde in Jesús María ein modernes Krankenhaus mit einem indigenen und biomedizinischen Behandlungstrakt eingerichtet. Zwei gegenläufige Umsetzungen globaler Ansprüche sind damit auf lokaler Ebene verbunden: Die Fachärzte des biomedizinischen Traktes vertreten den globalen Anspruch der Biomedizin, über das überlegenere und effektivere Behandlungs- und Wissenssystem zu verfügen. Im indigenen Teil arbeiten HeilerInnen der vier verschiedenen Ethnien der Sierra, die Mitglieder der Organisación de los Médicos Indígenas sind. Seitens des mexikanischen Staates stellt dies den Versuch dar, die von der WHO unterstützte Integration „traditioneller“ Heilweisen in nationale Gesundheitssysteme umzusetzen.

Wie gehen die Cora mit diesen konkurrierenden Ansprüchen um? Welche dynamischen Prozesse ergeben sich daraus? Ich argumentiere, daß das Cargo-System bei der Verhandlung medizinischer Wertigkeiten auf lokaler Ebene eine zentrale Rolle spielt. Es trägt zur selektiven Integration biomedizinischer Praktiken bei, stützt jedoch die Überlegenheit der eigenen heilkundlichen Anschauungen.

 

Befindlichkeitsstörungen im Wochenbett – eine ungelöste Frage für die Biomedizin

Maria Delius
Technische Universität München

Zu den Befindlichkeitsstörungen im Wochenbett zählen der Baby Blues und die Wochenbett-Depression. In unserer Gesellschaft werden für diese Störungen Häufigkeiten von ca. 50% bzw. 10% angegeben. Die Biomedizin kann kein einheitliches Erklärungsmodell für diese Wochenbettstörungen geben.

Drei Modelle liegen den Erklärungsversuchen dieser Störungen zugrunde. Das „biologische“ Modell beschreibt eine hormonelle Ätiologie solcher Störungen, das „psychologische“ Modell sucht die Ursachen in der individuellen Psyche. Das dritte, „anthropologische“ Modell betont den sozialen und kulturellen Kontext des Wochenbetts. Übergangsphasen wie Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sind in vielen kulturellen Kontexten stark strukturiert und rituell geregelt. Es wird argumentiert, dass es in westlichen Gesellschaften durch das Fehlen solcher „rites de passage“ in der Zeit des Wochenbetts zu den Befindlichkeitsstörungen kommt.

Daten einer in München durchgeführten Studie mit Wöchnerinnen türkischer und kurdischer Abstammung sollen mit Hilfe des anthropologischen Modells erläutert werden. Hier soll auf den traditionellen Ablauf des Wochenbetts in der Türkei eingegangen werden.

Besonderes Augenmerk soll auf die Informationen von ÄrztInnen, Hebammen und Krankenschwestern türkischer und kurdischer Abstammung über die traditionellen Formen des Wochenbetts gelegt werden. Aus deren „biomedizinischer“ Perspektive werden Elemente der traditionellen Konzepte des Wochenbetts in der Türkei in das biomedizinische Krankheits-Modell eingeordnet und in biomedizinisch vorhandene Krankeheiten „übersetzt“.

In Anlehnung an diese Einordnung lokaler Konzepte in biomedizinische Modelle möchte ich eine Interpretation vorstellen, die erläutert warum Wochenbettstörungen trotz ihrer großen Häufigkeit in der Biomedizin so wenig Beachtung finden.

 

Unterwegs von Ort zu Ort: was Migrantinnen und die Ethnologie zur Globalisierung beitragen

Yvonne Adam
Ethnologisches Institut der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Erkenntnisziel dieses Beitrages ist es, das Mobile, das Prozesshafte und das „Unterwegssein“ in der „Globalisierung“ von Wissen um Schwangerschaft und Geburt herauszuarbeiten. Den theoretischen Rahmen steckt der Artikel von Gisela Welz über „Moving Targets“ (1998) und das Postulat von George Marcus der „multi-sited ethnography“ (1995). Beispielhaft werden dazu Migrantinnen mit ihren Vorstellungen über Schwangerschaft und Geburt auf dem Weg aus ihren Heimatländern bis nach Deutschland begleitet. Quasi den Gegenpol dieses transportierten Wissens über das Gebären bilden Hebammenschülerinnen, die im Unterricht von der Referentin und ihrer Kollegin an der Akademie für Medizinische Berufe der Uni-Klinik Freiburg den Kulturbegriff reflektiert haben und für eine Vielfalt der „Kulturen des Gebärens“ sensibilisiert worden sind. Die Ethnologie hat hier in ihrer praktischen Anwendung im interkulturellen Vergleich von Geburtssystemen die Aufgabe einer Vermittlerin zwischen denen rund um die Welt verschiedenen Auffassungen über Schwangerschaft und Geburt. Es bleibt zu hinterfragen, ob die Ethnologie damit „imagined worlds“ (nach Appadurai) konstruiert. Im Anschluß wird diskutiert, inwieweit es möglich ist, der biomedizinischen Verortung der „natürlichen Geburt“ in die Fremde entgegenzuwirken, Geburtssysteme unter dem Aspekt des Wandels zu betrachten und sich schließlich zwischen dem „Eigenen“ und dem „Anderen“ wiederzufinden. Brennpunkt ist hierbei das lokale Zusammentreffen der Migrantinnen und der Hebammenschülerinnen.

 

Was ist Krankheit? Der „ontologische Krankheitsbegriff“ zwischen theoretischer Ablehnung und globaler Anwendung

Michael Knipper
Universität Bonn, Institut für Geschichte der Medizin

Die Vorstellung von Krankheit als konkretem Objekt, welches als selbständige Wesenheit definiert und klassifiziert werden kann, entspricht dem „ontologischen Krankheitsbegriff“ vergangener Epochen der Biomedizin. Ein an den aufblühenden „exakten“ Naturwissenschaften orientiertes medizinisches Denken strebte damals die Klassifikation der Krankheiten nach dem Vorbild der botanischen Taxonomie im Sinne einer „natürlichen Systematik“ an. Auf der Ebene der theoretischen Reflexion wird die „ontologische“ Auffassung von Krankheit gegenwärtig abgelehnt. In der Praxis findet sie dennoch Anwendung, sowohl bei Medizinern als auch bei Laien, und das sogar in der globalen Übertragung auf unterschiedlichste lokale Kontexte: Es wird mit „Krankheiten“, mit „indigenen Krankheitsbegriffen“ und „lokalen Krankheitsphänomenen“ umgegangen, als ob sie konkrete Objekte darstellen würden, die definiert, klassifiziert und verglichen werden können. Diese Suche nach klaren Definitionen führt bei indigenen Gesellschaften jedoch mehr zu Mißverständnissen als zu einer adäquaten Wahrnehmung der lokalen Verhältnisse. Erst der Abschied von dieser, den Krankheitsbegriff ontologisierenden Betrachtungsweise und die Rekonstruktion der impliziten Prämissen des eigenen Denkens durch den Blick auf die eigene Geschichte ermöglichen, eine etwas weniger starre Wahrnehmung und Deutung der beobachtbaren Phänomene.

 

Aids und Kanyera in Malawi: Lokale Antworten auf ein globales Phänomen

Angelika Wolf
Freie Universität Berlin, Institut für Ethnologie

Im südlichen Afrika wird ein indigener Krankheitskomplex namens mdulo mit sexuellem Fehlverhalten in Verbindung gebracht. Die einzelnen Krankheiten zeigen zwar eine vielfältige Symptomatologie, basieren aber auf einer gemeinsamen Ätiologie. Sie entstehen durch direkte oder indirekte sexuelle Verunreinigung, durch einen Kontakt zwischen heißen und kalten Körperzuständen.

Der Beitrag beschreibt die Bedeutung einer lokalen Krankheitskategorie im Kontext von AIDS. Heiler am Stadtrand der Hauptstadt Lilongwe bringen AIDS in Zusammenhang mit kanyera. Kanyera ist Teil von mdulo, und es stellt sich die Frage, warum ein vorher unbedeutender Aspekt dieses Komplexes derartige Aufmerksamkeit erfährt.

AIDS und kanyera weisen einige Parallelen auf, bedeutsamer jedoch erscheint das Bedauern um den „Verlust an Kultur“ und den „Verfall der Sitten“, welcher die Krankheit in einen breiteren Diskurs zu gesellschaftlicher Moral setzt. Der moralische Diskurs um richtiges oder falsches sozialen Verhalten wird in Relation gesetzt zu Reproduktion und sozialer Kontinuität innerhalb einer matrilinearen Gesellschaft. In diesem Diskurs erfährt kanyera eine Bedeutungszuschreibung, während die Heiler aktiv teilhaben an der Produktion medizinischen und moralischen Wissens. Die neue Bedeutung von kanyera wird interpretiert im Kontext lokaler Reaktionen auf globale Einflüsse.

 

PositHIV leben“ in Tanzania: Globale Dynamik am Beispiel internationaler und lokaler AIDS-Arbeit

Hansjörg Dilger,
Freie Universität Berlin, Institut für Ethnologie

AIDS ist ein globales Phänomen und wird mittlerweile auf Konferenzen und in der internationalen Politik auch als solches diskutiert. Dennoch sind Konzepte zum Umgang mit der Krankheit meist im europäischen oder im nordamerikanischen Kontext entwickelt worden und sollen auf globaler Ebene Anwendung finden. Dies gilt sowohl für Konzepte der Prävention (´safer sex´) als auch für das Leben mit der HIV-Infektion.

In diesem Vortrag wird das Konzept „living positively“ näher untersucht, das für ein selbstbestimmtes und ´positiv bewertetes´ Leben mit HIV / AIDS steht und als Teil von AIDS-Politik mittlerweile weltweit Verbreitung gefunden hat. Nach einer Einführung in inhaltliche und strukturelle Voraussetzungen für die Realisierung des Konzeptes (´Öffentlichmachen des eigenen Serostatus´, ´Zugang zu Medikamenten´ etc.) werden unterschiedliche Arten ´positiven Lebens´ in Tanzania vorgestellt, die stark von der Präsenz von Nicht-Regierungs-Organisationen und dem sozialen Umfeld der HIV-Infizierten geprägt sind. Abschließend werden Schwierigkeiten für die Umsetzung eines solchen Konzepts mit globalem Anspruch in lokale Kontexte benannt und Vorschläge für die bessere Einbeziehung lokaler Konzeptionen und Gegebenheiten für die zukünftige Arbeit mit HIV-Infizierten gemacht.

 

Richtige Ernährung in Papua Neuguinea: Anspruch und Wirklichkeit

Brigit Obrist van Eeuwijk
Ethnologisches Seminar der Universität Basel

Einmal im Monat kam ein Team des Mutter-Kind-Gesundheitsdienstes ins Dorf, um Kinder unter fünf Jahren zu wiegen, Ernährungsratschläge zu geben und erkrankte Kinder zu behandeln. Nach einem solchen Besuch beschwerte sich eine Dorffrau: „Warum belehren sie uns, wie wir für unsere Kinder sorgen sollen? Haben wir das nicht von unseren Müttern und Grossmüttern gelernt?“ Dieses Ereignis liegt zwanzig Jahre zurück und bewog mich, im Rahmen meiner Dissertation eine Feldforschung zur Einbettung lokaler Konzepte über Kinderernährung in den kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Kontext bei den Kwanga in der Ost-Sepik-Provinz von Papua Neuguinea durchzuführen. Diese Untersuchung zeigte, dass die Frauen eine bestimmte Konstellation von Symptomen, aus denen die Biomedizin das Konzept der Fehlernährung abstrahiert, im lokalen Kontext anders unterteilen, einordnen, deuten und bewerten. Dieser Vortrag geht der Frage nach, ob diese und ähnliche Untersuchungen im vergangenen Jahrzehnt in den interdisziplinären Diskurs über „richtige Ernährung“ in Papua Neuguinea eingeflossen sind. Er zeigt auf, dass in Debatten über die Globalisierung der Ernährung in den 1990er Jahren die Betonung von wirtschaftlichen Aspekten die kritische Reflektion kultureller und ideologischer Aspekte verdrängt hat.

 

Die zivilisatorische Errungenschaft der natürlichen Geburt – Auswirkungen der Ethnomedizin auf die „Gebärszene“ einer südwestdt. Universitätsstadt

Elsbeth Kneuper
Universität Tübingen

Meiner Arbeit liegen Äußerungen und Kommentare von zwanzig Frauen zu ihren Schwangerschaften, Geburten und Erfahrungen der ersten Zeit mit dem Kind zu Grunde.

Im Zusammenhang mit unserem Thema fragt sich: Gibt es einen Einfluss eines wie auch immer gearteten lokalen Zusammenhangs auf die Art, wie die jeweilige Frau den Prozess der Schwangerschaft, der Geburt und des Wochenbettes gestaltet und erlebt? Lässt sich im Gegenzug dazu etwas benennen, was als Folge des Globalisierungsprozesses gelten muss?

So verschieden die Frauen sind, so sind alle Schwangerschaften durch das Medizinsystem in sehr ähnlicher Weise strukturiert. Während die medikalisierte Geburt dem <Hier> zugeordnet wird, wird die natürliche Geburt im <Anderswo> verortet. Überraschender Weise wird dieses Anderswo weder in der eigenen kulturellen Tradition noch in den „anderen“ Orten der eigenen Biographie gefunden, sondern an den klassischen Orten der Ethnologie, wie die Ethnomedizin sie hier präsentiert. Sie „findet statt“, aber an Orten, die für die schwangeren Frauen gewissermaßen nicht erreichbar sind.

Andererseits ist die natürliche Geburt das Ideal, dem eine ganze Reihe von Frauen nachstreben. Wenn aber die „natürliche Geburt“ <anderswo> ist, dann setzt, dass wir uns darauf beziehen können, voraus, dass die Menschen <anderswo> genauso geschaffen sind wie hier, d.h. dass sie wesentlich biologisch determiniert sind: Das tertium comparationis ist der biomedizinische Körper. Damit ist gerade der biomedizinische, universalistische Diskurs der hier praktizierten Medizin die Bedingung für den Rekurs auf die „natürliche Geburt“ an jenen <anderen Orten> der Ethnologie.

 

Programm

9.00 – 9.10 Einleitung und Begrüßung (Viola Hörbst)
Moderation: Elsbeth Kneuper
9.10 – 9.30 Angelika Wolf, Berlin Einführung zu theoretischen Ansätzen der Globalisierungsdebatte
9.30 – 10.00 Bernhard Hadolt / Monika Lengauer, Wien Von Spritzkuren und Spermienaufbereitung: In-Vitro Fertilisation aus einer Actor-Network Perspektive
Moderation: Hansjörg Dilger
10.00 – 10.30 Tina Otten, Berlin Gibt es indigene und biomedizinische Krankheitskonzepte bei den Desya, Indien?
10.30 – 11.00 Kaffee- und Teepause
11.00 – 11.30 Viola Hörbst, München Zwischen globalem Anspruch und Lokalisierung: medizinische Wertigkeiten bei den Cora, Mexiko
11:30 – 12:00 Maria Delius, München Befindlichkeitsstörungen im Wochenbett – eine ungelöste Frage für die Biomedizin
12.00 – 12.30 Yvonne Adam, Freiburg Unterwegs von Ort zu Ort: was MigrantInnen und EthnologInnen zur Globalisierung beitragen
12.30 – 14.00 Mittagspause
14.00 – 14.30 Michael Knipper, Bonn Was ist Krankheit? Der „ontologische Krankheitsbegriff“ zwischen theoretischer Ablehnung und globaler Anwendung
14.30 – 15.00 Angelika Wolf, Berlin Aids und Kanyera in Malawi: lokale Antworten auf ein globales Phänomen
15.00 – 15.30 Hansjörg Dilger ‚PositHIV Leben‘ in Tanzania: globale Dynamik am Beispiel internationaler und lokaler AIDS-Arbeit
15.30 – 16.00 Kaffee – und Teepause
Moderation: Viola Hörbst
16.00 – 16.30 Brigit Obrist van Eeuwijk, Basel Richtige Ernährung in Papua Neuguinea: Anspruch und Wirklichkeit
16:30 – 17:00 Elsbeth Kneuper, Tübingen Die zivilisatorische Errungenschaft der natürlichen Geburt – Auswirkungen der Ethnomedizin auf Schwangere in SW-Deutschland
17.00 – 17.10 Pause
17.10 – 18.00 Brigit Obrist van Eeuwijk, Basel und Bernhard Hadolt, Wien Zusammenführung der angesprochenen Aspekte von Globalisierung und medizinischem Wissen
Abschlussdiskussion