‚Urban Health’: Gesundheit in Städten des Südens

Wintersemester 2000/01

Dr. Peter van Eeuwijk (peter.vaneeuwijk@unibas.ch)
Ethnologisches Seminar der Universität Zürich

Der urbane Raum und die Gesundheit in Entwicklungsländern wurden erst vor rund 10 Jahren als sich gegenseitig und direkt beeinflussende Grössen erkannt. Unter dem prägenden Einfluss der ‚Primary Health Care‘-Bewegung (‚Declaration of Alma-Ata‘ der WHO von 1978) stehend haben sowohl GesundheitsplanerInnen und -anbieterInnen als auch Regierungen den ländlichen Raum und dessen Bevölkerung in den Dörfern als ihr prioritäres Entwicklungsziel betrachtet. Erst seit rund 5 Jahren wissen wir anhand von Lokalstudien in Städten, dass in vielen Ländern des Südens der Gesundheitszustand der urbanen Bevölkerung und deren Zugang zu Gesundheit (wie der Zugang zu sauberem Wasser oder zu regelmässiger Abfallentsorgung) weitaus schlechter sind als diejenige der Landbevölkerung. Diese Nachteile sind umso deutlicher bei einkommensschwachen StadtbewohnerInnen festzustellen.
Gesundheit in den Städten des Südens zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist vom Prozess der ‚Health Transition‘ (‚Gesundheitswandel‘) nicht abzukoppeln. Darunter fallen die epidemiologische Veränderung, der demographische Wandel und die Veränderung des Lebensstiles. Diese wichtigen Prozesse, zu denen auch die zunehmende Urbanisierung und Migration zählen, manifestieren sich insbesondere in den urbanen Zentren des Südens.
Armut ist weiterhin der wichtigste Grund für den schlechten Gesundheitszustand und die schlechte Lebensqualität der städtischen Bevölkerung. Zudem ist der soziale Umbau wie das Aufbrechen der ‚traditionellen‘ Netzwerke ein weiterer Faktor für Verarmung. Diese soziale und ökonomische Degradation führt in der Regel zu sozialem Ausschluss und vergrössert damit direkt die Verletzlichkeit (‚vulnerability‘) dieser städtischen Segmente im Hinblick auf Gesundheit und Krankheit. Damit soll aber auch deutlich aufgezeigt werden, dass die Gründe und auch die Lösungen für die meisten Gesundheitsprobleme in den Städten des Südens ausserhalb der formellen Gesundheitsfürsorgesysteme liegen und zu suchen sind.
Der Bereich der ‚Urban Health‘ verlangt ein Überdenken und Neudefinieren von herkömmlichen (medizin-)ethnologischen Begriffen wie etwa derjenige der ‚community‘ und ihrer geänderten Zusammensetzung und Bedeutung (‚Was ist eine ‚community‘ in einem Slum?‘) oder des Haushalts und seiner neuen Strukturen (wie ‚female headed households‘). Heterogenität ist ein wichtiges Merkmal urbaner Gesellschaften, uns vertraute Zuordnungskriterien wie Ethnie, Religion und Territorium treten zu neuen Zuschreibungsmerkmalen wie Bildung und Vermögen hinzu.
Zu den einzelnen Themenbereichen von ‚Urban Health‘ werden jeweils ein allgemeiner Text (von allen TeilnehmerInnen zu lesen) sowie ein tiefergehender Artikel (von einer Gruppe vorgestellt) aufgelegt. Dieses Proseminar wird in einzelnen Veranstaltungsblöcken (in der Regel an 4-5 Samstagen, im Oktober/November 2000) abgehalten. Eine ausführliche Bibliographie wird in der ersten Sitzung aufliegen.

Einführende Literatur:

  • Gilbert, Alan and Josef Gugler. 1991 (2nd Ed.). Cities, Poverty, and Development: Urbanization in the Third World. Oxford: Oxford University Press.
  • Harpham, Trudy and Marcel Tanner (Eds.). 1995. Urban Health in Developing Countries: Progress and Prospects. London: Earthscan.
  • Tabibzadeh, I., A. Rossi-Espagnet and R. Maxwell. 1989. Spotlight on the Cities: Improving Urban Health in Developing Cities. Geneva: World Health Organization.
  • World Health Organization (Ed.). 1993. The Urban Health Crisis: Strategies for Health for All in the Face of Rapid Urbanization. Geneva: World Health Organization.