Seminar:

Alte, Alter und Altern

Frühlingssemester 2008

Dr. Peter van Eeuwijk (pietve@access.unizh.ch)
Universität Zürich, Ethnologisches Semina

 

Diese Veranstaltung, die den Titel „Alte, Alter und Altern aus ethnologischer Sicht: Vom kulturellen Phänomen zum gesamtgesellschaftlichen Problem?“ trägt, beschäftigt sich mit der breitgefächerten Perspektive der Ethnologie und angrenzender Wissenschaften auf Prozesse, die wir heutzutage generell als ‚Ageing‘ bezeichnen. Eine eigentliche Disziplin der ‚Gerontoethnologie‘ formiert sich erst seit Kurzem, was nicht zuletzt darauf schliessen lässt, dass die Ethnologie diesem Bereich während sehr langer Zeit wenig Beachtung geschenkt hat. Dieses Seminar zu alten Leuten und ihrem Leben und Umfeld wird uns zum weitaus grössten Teil in Gesellschaften ausserhalb Europas und Nordamerikas führen – doch werden wir viele Erkenntnisse aus Afrika, Asien, Süd-/Zentralamerika und Ozeanien vor dem Hintergrund unserer eigenen alternden Gesellschaft spiegeln und vergleichen. Der ältere ethnographische lokale Blick auf das Phänomen ‚alte Leute‘ hat deutlich gezeigt, dass das Alter und das Altern von eindeutig kulturspezifischer Qualität geprägt sind, wobei jedoch die alten Menschen als ethnisierte Stereotypen einer als scheinbar homogen geltenden Altersgruppe verstanden wurden. Dieses wenig differenzierende Bild hat das Verhältnis der Ethnologie zu den alten Menschen ‚im Feld‘ lange geprägt, was sich etwa auch methodologisch und konzeptuell abzeichnete. Erst kontemporäre globale Prozesse wie die rasche demographische, epidemiologische und soziale Transformation der meisten aussereuropäischen Gesellschaften (etwa ihr rasches Altern; Zunahme von chronischen Krankheiten; neue Haushaltsformen) lassen die Ethnologie dieses gesamtgesellschaftliche ‚Problem‘ unter neuen Perspektiven angehen. Der Blick auf das Alter als defizitgeprägter und rückwärtsgewandter Lebensabschnitt wird durch ressourcen- und handlungsorientierte Ansätze des Alterns abgelöst – auch wenn wir uns bewusst sein müssen, dass neben Kleinkindern die Gruppe der alten Leute eine der vulnerabelsten Gesellschaftsteile (z.B. ökonomisch, sozial, gesundheitlich) darstellt. Das Altwerden in sich rasch wandelnden aussereuropäischen Gemeinschaften, die notabene nur wenig entwickelte formelle Wohlfahrtssysteme aufweisen, ist heutzutage kein sanftes Hineinwachsen mehr in eine bürdelose und würdevolle Lebensphase. Das realistische Bild von alten Menschen als soziale AkteurInnen mit ihren Räumen des Aushandelns und mit ihren verschiedenen ‚capitals‘, Befähigungen und Resilienzen, aber auch mit ihren nicht wenigen alten und neuen Bedrängnissen, Unsicherheiten und Verwundbarkeiten wird in diesem Seminar verfeinert und auch erweitert.

Einführende Literatur/Handbücher:

  • Attias-Donfut, Claudine et Leopold Rosenmayr (Hrsg.). 1994. Vieillir en Afrique. Paris: Presses Universitaires de France.
  • Dracklé, Dorle (Hrsg.). 1998. Alt und zahm? Alter und Älterwerden in unterschiedlichen Kulturen. Berlin: Reimer.
  • Eeuwijk, Peter van. 2003. Alter, Gesundheit und Health Transition in Ländern des Südens. Eine ethnologische Perspektive. In: Lux, Thomas (Hrsg.). Kulturelle Dimensionen von Medizin. Ethnomedizin – Medizinethnologie – Medical Anthropology. Berlin: Reimer, S. 228-250.
  • Formanek, Susanne and Sepp Linhart (eds.). 1997. Aging: Asian Concepts and Experiences: Past and Present. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
  • HelpAge International. 2002. State of the World’s Older People 2002. London: HelpAge International.
  • Phillips, David R. (ed.). 2000. Ageing in the Asia-Pacific Region: Issues, Policies and Future Trends. London: Routledge.
  • Prahl, Hans-Werner und Klaus R.
  • Schroeter. 1996. Soziologie des Alterns: Eine Einführung. Paderborn: UTB für Wissenschaft.
  • Sokolovsky, Jay (ed.). 1994. Growing Old in Different Societies: Cross-Cultural Perspectives. Acton, MA: Copley Publishing Group.
  • World Health Organization. 1998. World Atlas of Ageing. Kobe: Centre for Health Development Kobe WHO..