Proseminar:

Globalisierung – Migration – Heilkunde:
Eine Einführung

Sommersemester 2004

Dr. des. Viola Hörbst M.A. (hoerbst@lrz.uni-muenchen.de)
Institut für Ethnologie und Afrikanistik der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Unter dem Schlagwort „Globalisierung“ wird seit mehr als einem Jahrzehnt der Anstieg weltumspannender Tauschprozesse und ihrer Effekte verstanden. Teil dessen ist der Versuch einer weltweiten Implementierung von Werten und Prozeduren mit universellem Anspruch: Marktwirtschaft, Menschenrechte, aber auch die Biomedizin sind Beispiele dafür. Der beschleunigte Austausch materialisiert sich in der Wanderung von Gütern, Konzepten, Bildern und Praktiken, die einerseits die Menschen (bspw. MigrantInnen, TouristInnen und auch EthnologInnen) auf ihren Reisen begleiten, andererseits losgelöst von ihnen, bspw. im Internet oder Fernsehen an vielen Lokalitäten in Form von Informationen und Praktiken zugänglich sind.
Als Effekt der Globalisierung wird in der Öffentlichkeit sowie in Teilen der Sozialwissenschaften eine daraus resultierende „Amerikanisierung“ oder „Homogenisierung“ befürchtet. Dem halten Repräsentanten der Ethnologie entgegen, dass sich Prozesse weltweiter Verflechtung gleichzeitig heterogen äußern, denn die praktische Anwendung globaler Werte ist immer von den je lokalen Bedingungen abhängig – nirgendwo stößt ihre Umsetzung in ein soziales, kulturelles oder politisches Vakuum. Das lenkt die Aufmerksamkeit weg von der Globalisierung und hin zu Lokalitäten als den Räumen der Auseinandersetzung konkurrierender Heilpraktiken. Zudem stellen Verflechtungsprozesse keine „Einbahnstrasse“ von Zentren in die Peripherie dar, sondern umfassen Rückflüsse und Gegenströme, die aus der Peripherie kommend in die Zentren hineinwirken. Man denke etwa an hierzulande angebotene Kurse zum „schamanischen Therapeuten“ oder an die gestiegene Beliebtheit von „Ayurveda“ und „Akupunktur“.
Wie sich die widersprüchlichen Prozesse der Aneignung durch Um-Interpretation, Re-Kontextualisierung und Abgrenzung im Gebiet der Heilkunde darstellen, wird im Seminar anhand von Beispielen in verschiedenen Lokalitäten erarbeitet. Theoretische Ansätze einer Ethnologie der Globalisierung finden dabei einführende Beachtung, auch ihre analytischen Implikationen für die Ethnologie und im speziellen für die Medizinethnologie werden anhand verschiedener Begrifflichkeiten angesprochen.