Hauptseminar:

Kultur- und Medizinethnologische Zugänge zum Mutter- und Elternwerden

Sommersemester 2004

Dr. des. phil. Elsbeth Kneuper MA (Elsbeth.Kneuper@urz.uni-heidelberg.de)
Abteilung Ethnologie, Südasieninstitut, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Die kulturvergleichende Studie „Birth in Four Cultures“ von Brigitte Jordan hat der medizinanthropologischen Forschung ein wichtiges Feld eröffnet. Sowohl in der Medizinanthropologie wie auch in der Forschung zum öffentlichen Gesundheitswesen hat das Gebiet, nicht zuletzt wegen seiner praktischen und gesundheitspolitischen Relevanz, große Bedeutung gewonnen.
Es versteht sich von selbst, dass Mutter- bzw. Elternwerden nicht erst mit Jordan für die Ethnologie zum Thema geworden ist. Die Diskussion um die „Couvade“, also das „große“ oder „kleine Männerkindbett“ und die von Malinowski angestoßene „Virgin-Birth-Debatte“ zeigen, dass auf dem Feld schon sehr früh Konzepte von „agency“, Identität, Körpervorstellungen zu Konzeptionsfähigkeit und Ir-/Rationalität betrachtet worden sind.
In der gegenwärtigen Auseinandersetzung spielen Theorien von verschiedenen Formen der Körperlichkeit zunehmend eine Rolle, aber auch Begriffe wie „autoritatives Wissen“ und Gesundheitssystemforschung. Daneben geht es gerade beim Thema Geburt auch um den Universalismus in der Ethnologie: Jordan hat Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett als Universalie angesehen und damit für einen Kulturvergleich als besonders geeignet gehalten.
Ihr Verdienst ist es auch, die Bedeutung der Erforschung des kulturell Eigenen betont zu haben. Neuere Reproduktionstechnologien (NRT), die Propagierung der Brusternährung in den letzten Jahren, aber auch Yoga-Kurse für Schwangere eröffnen ein spannendes Feld vor der eigenen Haustür.
In dem Seminar soll sowohl die Entstehung des Gebietes aufgearbeitet wie die gegenwärtige Diskussion reflektiert werden.
Voraussetzung für die Teilnahme ist ein theoriegeleitetes Forschungsinteresse – nicht eine geschlechtliche Identität. Kurz: Alle Studierenden des Hauptstudiums sind angesprochen, so sie über grundlegende Kenntnisse in der Medizinethnologie verfügen.
Ein Handapparat wird zur Verfügung gestellt.

Literaturhinweise vorab:

  • Csordas, Thomas (Ed.) 1993. Embodiment and Experience. New Perspectives in Medical Anthropology.
  • Good, Byron 1994. Medicine, Rationality, and Experience: An Anthropological Perspective.
  • Davis-Floyd, Robbie und Carolyn F. Sargent (Ed.) 1997a. Childbirth and Authoritative Knowledge: Cross-Cultural Perspectives. Berkeley
  • Jordan, Brigitte 1978. Birth in four Cultures. A Crosscultural Investigation of Childbirth in Yucatàn, Holland, Sweden and the US. Montreal
  • Kleinman, Arthur 1977. Depression, Somatization and the New Cross-Cultural Psychiatry.
  • –1980. Patients and Healers in the Context of Culture. An Exploration of the Borderland between Anthropology, Medicine and Psychiatry.
  • Lindenbaum, Shirley and Margaret Lock 1993. (Ed.) Knowledge, Power, and Practice: The Anthropology of Medicine and Everyday Life.
  • Weiner, Anette B. 1992. Inalienable Possessions. The Paradox of Keeping-While-Giving.
  • Lupton, Deborah 1994. Medicine as Culture: Illness, Disease and the Body in Western Societies.
  • –1995. The Imperative of Health: Public Health and the Regulated Body.
  • Maher, Vanessa (Ed.) 1992. The Anthropology of Breast-Feeding. Natural Law or Social Construct.
  • Weidmann, Reiner [1990] 2001. Rituale im Krankenhaus.